Dr. Hella Hagspiel-Keller Religionswissenschaft, Bregenz 2016

1 Aktuelle Diskussion

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz erklärte Kardinal Christoph Schönborn OP am 11. Januar 2011 in einem ORF-Interview[1]: In Österreich sei die Kirche lange Zeit Staatskirche gewesen, aber die seit Kaiser Konstantin vorherrschende „Einheit von Kirche, Staat und Gesellschaft“ sei schon lange vorbei. Daher wird immer deutlicher die Zugehörigkeit zu einer Kirche eine Sache der Entscheidung und nicht mehr der Tradition.“ Die Zeit sei heute mehr als reif, „vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum“ zu gelangen.

„Die Zukunft gehöre demnach Kirchen, Freikirchen, Gemeinschaften und Gemeinden, in denen sich Menschen freiwillig und bewusst für ein Leben in der Beziehung zu Jesus Christus entscheiden können.“ Mündige Erwachsene entscheiden sich heute aus freien Stücken für die Taufe, Säuglinge werden von ihren Eltern gebracht. Im Normalfall ist jedoch der „gesellschaftliche Zwang“ zur Taufe weggefallen. „Früher war es Schicksal, katholischer Christ zu sein“, so der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, „heute muß man das wählen und kann es auch abwählen.“

Dies haben in Österreich lt. Sinus-Studie 2010 um bis zu 64 Prozent mehr Menschen getan als im Jahr zuvor. In absoluten Zahlen: 87 393 Katholiken (2009: 53 269) kehrten der römisch-katholischen Kirche den Rücken – zumeist aus Ärger über die Mißbrauchsfälle und deren Aufarbeitung. In Deutschland wird für 2010 mit  200 000 bis 250 000 Austritten gerechnet, was ein Plus von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr wäre. Symptomatisch (und alarmierend) sind diese an einen „Exodus“ erinnernden Ergebnisse – in Österreich handelt es sich nach Schönborn um die größte Austrittswelle seit der NS-Zeit – für die deutschsprachigen Länder insgesamt. Dieser Trend ist schon seit Jahren unübersehbar. In Österreich werde Realität, was in Frankreich oder England längst Wirklichkeit sei.

Auf der anderen Seite sei diese Situation auch „das Zeichen einer neuen Freiheit, mit der wir umzugehen lernen müssen, die auch ihre guten Seiten hat“, so weiter Schönborn. Die, die in eine Kirchengemeinde eintreten und/oder dort bleiben tun das vermehrt aus freier Entscheidung und weniger aus gewöhnter Tradition. Aufhorchen ließ der Kardinal mit einem Nebensatz: „Die Beziehung jedes Menschen zu Gott geht weiter, auch nach einem Kirchenaustritt. Aus der Liebe Gottes kann man nicht austreten. Und außerdem: Die Gottesfrage klopfe neu an.“

Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ darauf hingewiesen, daß „der geschärfte kritische Sinn für das religiöse Leben … mehr und mehr eine ausdrücklicher personal vollzogene Glaubensentscheidung (fordert), so daß nicht wenige zu einer personalen Gotteserfahrung kommen“ (GS 7). Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971 bis 1975) kannte schon heftige Debatten um „Volkskirche“ und „Freiwilligkeits-“ oder „Entscheidungskirche“. Die Entwicklung hin zu einem „Entscheidungschristentum“ entspreche viel mehr der heutigen Zeit. Christliches Leben in Entschiedenheit ist und bleibt aber anspruchsvoll. Doch dies darf nicht mit „Linientreue“, Fanatismus oder gar Fundamentalismus verwechselt werden.

2 An der Tauffrage scheiden sich die Geister

Matthäus 28, 18 „Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: (…) 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Bis ins 6. Jahrhundert wurden durchwegs nur Erwachsene getauft und die Aussage von der Neuschöpfung bzw. Wiedergeburt war gut zu verstehen, weil der ausschließlich in der Osternacht gefeierten Taufe ein umfassender Glaubensunterricht vorausging[2]: Taufbewerber wurden durch Gläubige, die für sie bürgten (Paten), in die Gemeinde eingeführt und mußten in der Regel drei Jahre lang am Wortgottesdienst und Glaubensunterricht teilnehmen.

Taufe im Traditionschristentum in den Volkskirchen

Im Mittelalter setzte sich zunehmend die Säuglings- oder Kindertaufe durch. Die als „dogmatischer Grenzfall“ und in katholischen Ländern Europas noch heute weitgehend als „praktizierter Normalfall“ (Walter Kasper) zu bezeichnende Kindertaufe bezieht ihre Legitimität aus dem Verständnis, dass der Glaube als ein Geschenk Gottes jedem Getauften ohne sein eigenes Dazutun sozusagen automatisch geschenkt werden wird. Die persönliche Entscheidung des Täuflings war und ist deshalb nicht möglich, auch nicht gefragt, die Eltern entschieden oder entscheiden für das Kind. Auch der Glaubensunterricht entfiel oder wurde oder wird erst viel später durch einen Katechismus- oder Religionsunterricht ersetzt.  So erleben sich viele getauften Christen im  „christlichen Abendland“ sozusagen auf dem Papier als christlich, vielfach ohne sagen zu können, was das bedeutet, oder was man als Christ eigentlich glaubt oder glauben soll.

Taufe im Entscheidungschristentum der Freikirchen

Erst die Täufer in der Radikalen Reformation ab 1525[3] führten die Erwachsenentaufe als alleingültig wieder ein. Deswegen wurden die sie denn auch in ganz Europa bis aufs Blut verfolgt: tatsächlich stand auf Erwachsenentaufe oder Wiedertaufe (wenn die Täuflinge schon als Kleinkind ohne gefragt zu werden getauft worden waren) die Todesstrafe. Viele Täuferfamilien wanderten deshalb aus Europa aus und deren Nachkommen kehrten erst im 20. Jahrhundert in Form von evangelischen und evangelikalen Freikirchen in ihre alten Heimaten zurück, nachdem nun auch in Europa die Religionsfreiheit garantiert wurde.

Glaubensgrundkurs in evangelisch- evangelikalen - freikirchlichen Gemeinden

Im Unterschied zu den traditionellen Volkskirchen verbindet all diese Gruppen ein Entscheidungschristentum, Glaubenstaufe mündiger Menschen, ein geistliches Wiedergeburtserlebnis und die grundlegende Überzeugung, dass die Bibel alleinige Richtschnur für Leben und Lehre der christlichen Gemeinde ist.

Auch die evangelisch – freikirchlichen Gemeinden, die als Mitglieder der baptistischen Konfessionsfamilie die Kindertaufe ablehnen und ausschließlich die Gläubigentaufe für religionsmündige Menschen praktizieren, bieten für Taufbewerber eine Taufvorbereitung bzw. einen Glaubensgrundkurs an. Am Ende der Taufvorbereitung steht das persönliche Glaubensbekenntnis des Täuflings vor der versammelten Gemeinde, die Taufempfehlung seines begleitenden „Taufpaten“ sowie die nach seiner Taufe unter Handauflegung zu vollziehende Aufnahme in die Gemeinde.

Das Übergießen mit einem Kännchen geweihtem Wasser in den traditionellen Volkskirchen macht „neues Leben durch Taufe“ weniger sinnlich erfahrbar  als das Eintauchen in ein Taufbecken, wie es etwa in orthodoxen Kirchen üblich ist oder gar das Untertauchen in einen Fluß oder gar See, wie in christlichen Freikirchen getauft wird. Dabei wird durch das Luftschnappen beim Auftauchen das Geschenk und das Ergreifen „neuen Lebens“ leibhaftig nachvollziehbar. Mit der Taufe verbindet sich denn auch stark das Bild einer „Wiedergeburt“ aus Wasser und Geist, nämlich die Überzeugung, durch den Glauben an Jesus Christus sind die Sünden vergeben und der Heilige Geist Gottes erfüllt den Getauften.

3 Christliche Wiedergeburt  (παλιγγενεσία)

 „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.  (…) Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“ ( Johannes Evangelium 3, 3-6)

Mit Paulus gesagt: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“. (Römerbrief  6,4)

Petrus spricht von einem „Erneut-gezeugt-Werden“ (ἀναγεννᾶν) kraft der Auferstehung Christi und durch das göttliche Wort. ( 1 Petrus 1,3; 23)   Damit verbunden ist der Aufruf zur Bewährung im Leben. In diesem gebietenden Sinne entfaltet die Wiedergeburt auch eine wesentliche Seite der eigenen Sündenerkenntnis und willentliche Umkehr, wie sie Jesus gepredigt hatte. Der Apostel Johannes verwendet häufig Bilder der Zeugung und (Neu-) Geburt aus Gott bzw. „von oben“.  Die Wiedergeburt aus dem Geist ist ein göttliches Geschenk, ein Mysterium, das die „Gotteskinder“ von der Welt scheidet und schon jetzt ihr ganzes Sinnen und Handeln bestimmen soll. ( 1 Johannes 3, 1 und 5, 1)

Sichtweise im Traditionschristentum und in den Volkskirchen 

Vom „Bad der Wiedergeburt“ spricht auch eine volkskirchliche Liturgie, um deutlich zu machen, daß bei der Taufe der Täufling in Christus „von neuem“ bzw. „ein zweites Mal geboren“ und so in die Gemeinschaft der Kirche eingegliedert wird.

Vor allem in der orthodoxen, katholischen und anglikanischen Lehre ist die Wiedergeburt, entsprechend der Lehrentwicklung in der Alten Kirche, eine Wirkung der Taufe. So sagt z. B. der katholische Katechismus über die Taufgnade: „Die beiden Hauptwirkungen sind also die Reinigung von den Sünden und die Wiedergeburt im Heiligen Geist.“

Ähnlich führen auch konservative Lutheraner die Wiedergeburt (sowie Abwaschung der Sünden, Geistverleihung, Erleuchtung u.a.) auf die Taufe zurück. Für Martin Luther lag das Taufsakrament am Anfang der Wirkung dieses Sakraments, das in die spätere Wiedergeburt des Glaubenden mündet. Als Folge davon wurde die Wiedergeburt in der kirchlichen Theologie zunehmend auf die Kindertaufe beschränkt und so dem Volk entrissen. 

Sichtweise der Täufer und späteren Freikirchen

Dagegen lehnten sich die Täufer und in der Folge die Erweckungsbewegungen auf. Der täuferische Glaube forderte die persönliche Entscheidung jedes einzelnen. So führten sie denn auch die ausschließliche Erwachsentaufe wieder ein, um eine nachvollziehbare Wiedergeburt zu zelebrieren. In seinem „Fundamentbuch“ 1539 erhob der Täuferführer Menno Simons die Wiedergeburt zu der zentralen Glaubenserfahrung und erklärte damit das Ende des früheren, „geistlich toten“ Lebens und den Beginn eines neuen Lebens als Christ. „Wiedergeburt“ in diesem Sinne beschreibt das eschatologische Neuwerden des Menschen durch sein Eingehen in ein neues Gottesverhältnis. Täuferführer Balthasar Hubmaier zu diesem Thema: „Gott hat dich erschaffen ohne dich, aber ohne dich wird er dich nicht selig machen.“[4] Nach Hubmaiers Verständnis wird die Seele jedoch erst durch die Wiedergeburt frei, das Gute oder das Böse wirklich zu wählen. Die Wiedergeburt ist ein reiner Gnadenakt. Der göttliche Geist befreit den Geist im Menschen zur Urteilsfähigkeit. Hier wird mancherorts von einem „synergistischen“ Heilsverständnis gesprochen, welcher sich auf den Prozess zwischen Wiedergeburt und Heiligungsweg des Menschen bezieht. Menno Simons spricht im Zusammenhang, das Heil des Menschen als Besserung des Lebens zu verkündigen, von Rechtveerdigmakinge (= Rechtfertigmachung). Hier wird Rechtfertigung und Heiligung zusammengesehen, was in seinem frühen Sendschreiben „Van de Wedergeboorte“ von 1539 deutlich wird. Demnach gehören Akte der Buße dazu, um schon jetzt an dem Sieg des Gottessohnes über die Sünde teilzunehmen. Die wahren Christen bringen Früchte des Geistes hervor und unterdrücken die Werke des Fleisches. Nicht gute Werke, mit denen jemand die Gnade Gottes kaufen möchte, sondern Werke des Glaubens eines schon Erretteten, um sein neues Leben sichtbar zum Ausdruck zu bringen.

Evangelikale Sichtweise

Während Wiedergeburt und Bekehrung gemeinsam die geistliche Erneuerung des Menschen beinhalten, unterscheiden sie sich dadurch, dass die Bekehrung eher die Gott suchende Aktivität des Menschen beschreibt und die Wiedergeburt eher die Aktivität Gottes bei dieser Erneuerung betont, wobei auch diese durch den Heiligen Geist inspiriert wird. Beidem kommt für das Gottesverhältnis des Menschen hohe Bedeutung zu. Bei der Wiedergeburt erhält der Täufling die Vergebung seiner Sünden und kann dadurch mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Erst dadurch wird sein Verstand fähig, geistliche Wirklichkeiten zu unterscheiden. (1 Korintherbrief 2,14-15 ) und sein in der Macht der Sünde versklavt gewesenen Willen wird befreit zur Heiligung, d. h. zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gottes Unterweisung. (Römerbrief,6,14.17-22)

Dr. Hella Hagspiel-Keller, geboren in Bregenz, ist verheiratet und Mutter von sechs erwachsenen Kindern. Als entschiedene Christin und Religionswissenschaftlerin hält sie Vorträge, publiziert Artikel und Bücher. In Ihrer „Werkstatt für Lebensfragen“ in Bregenz berät sie Fragende und Suchende mittels Lebensberatung, Seelsorge, Kunsttherapie, Mediation und/oder Supervision. www.hella-hagspiel-keller.com

[1]Andreas R. Batlogg SJ in:  http://www.stimmen-der-zeit.com/zeitschrift/archiv/beitrag_details?k_ beitrag=2796450&query_start=2&k_produkt=2801006 (abgerufen am 26. 10. 2014)

[2] Marcel Metzger, Heinzgerd Brakmann: Art. Katechumenat. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 20, Stuttgart 2003, 497–574.

[3] Vgl.detailliert: HAGSPIEL- KELLER, Hella: Die langen Wurzeln der Freikirchen. Bregenz 2016, 30ff

[4] HUBMAIER, Balthasar: Schriften. 391, zit. bei Hagspiel-Keller: Freikirchen. 2016. 56